Dorfrundgang
Der neuen Mythen Klippenspiel
Findlinge
Werkbeitrag Stadt und Kanton Luzern
Scrivere grande
Entlebuch und ein halbes Zebra
Heidi
Kunstorchester Kwaggawerk
Menetekel
Bauernkrieg 1653
Der Wiedergänger
Der neuen Mythen Klippenspiel
Findlinge
Werkbeitrag Stadt und Kanton Luzern
Scrivere grande
Entlebuch und ein halbes Zebra
Heidi
Kunstorchester Kwaggawerk
Menetekel
Bauernkrieg 1653
Der Wiedergänger
Stadtbeschallung /
Bläserparade
Kölner Innenstadt, Deutzer Ufer
2. August 2008
«Es wird laut werden in Köln, bunt und schrill, wenn am Samstag 200 Blasmusiker aus der Schweiz und Köln durch die Stadt ziehen. In schrägen Kostümen und begleitet von fahrenden Kunstobjekten spielen sie nicht nur Guggenmusik, sondern auch Theater. Aufgeteilt in fünf Gruppen setzen sie sich dabei mit einem Thema auseinander: Dem Gegenüber von Stadt und Land.

Fotos © Ellen Bornkessel
Mitten drin findet sich das Kunstorchester Kwaggawerk aus Köln, dessen Gründer Reto Stadelmann die Veranstaltung unter dem Namen "Entlebuch und ein halbes Zebra" initiiert hat. "Schon als Jugendlicher habe ich Guggenmusik gespielt. In meiner Schweizer Heimat hat diese Musikform grosse Tradition", erzählt Reto Stadelmann. Sie entwickelte sich aus dem Brauch heraus, mit lautem Krach die Geister des Winters zu vertreiben. Ursprünglich zogen die Menschen dafür in der Fasnachtszeit mit Rasseln, Eimern, Trommeln oder Pfeifen durch die Dörfer und Städte. Heute übernehmen Blechblasinstrumente die Funktion. Daher kommt auch der Begriff Guggenmusik: Das schweizerdeutsche Wort Gugge steht für alle Arten von Blechblasinstrumenten. Auch in den südwestdeutschen Raum ist der Brauch gewandert. Dort gehören während der schwäbisch-alemannischen Fasnacht Guggenmusiker zum ganz normalen Strassenbild. Passend zu dieser Tradition haben die Musiker vom Kunstorchester Kwaggawerk ihren ersten Auftritt im Jahr 2007 im Kölner Karneval auf dem Geisterzug absolviert. "Bei den Leuten am Strassenrand kam unsere laute, leicht schräge Musik sehr gut an. Deshalb denken wir, dass dem Publikum auch "Entlebuch und ein halbes Zebra" gefallen wird", zeigt sich Stadelmann zuversichtlich. Die Schweizer Gäste aus der ländlichen Region Entlebuch haben allein für die Veranstaltung schon früher als gewohnt mit den Proben angefangen. Eigentlich treffen sich die Musiker erst im November wieder, kurz vor Beginn der Fasnacht.
"Auch, wenn uns die Wurzeln der Guggenmusik bewusst sind, möchten wir diese Musik weiterentwickeln und ihr neue Inhalte geben, Musik mit vielen weiteren Kunstformen zusammenbringen", erklärt Reto Stadelmann. Das geschieht zum Beispiel dadurch, dass nicht nur Musiker, sondern auch andere Künstler, aber auch Studierende, Pädagogen und Handwerker dem Kwaggawerk angehören und ihre Ideen einbringen. So steuert der Objektkünstler Triloff für die kommende Veranstaltung mobile Kunstobjekte bei.
Die Bildhauerin Julia Seidensticker und die
Medienkünstlerin Katja Struif entwarfen die schrägen
Kostüme. Am Samstag werden die Kwaggawerker unter dem
Stichwort "Die Alpenaneignung" mit Bergen
aus Pappe durch Köln ziehen - die Städter schleppen
sich also buchstäblich mit einer Natur-Landschaft
ab. Die Gruppen aus den Schweizer Dörfern bekommen im Gegenzug
typisch städtische Verkleidungen, zum Beispiel ordentliche
weisse
Hemden und Business-Anzüge. Die Guggenmusiker des Ensembles
Änteguugge bewegen sich zusammen mit der
Improvisationstheater-Gruppe "Friends of Horst!"
als vermeintlich normale Touristen durch die Domstadt. Sie
möchten dabei mit den Passanten ins Gespräch kommen,
indem sie nach den Sehenswürdigkeiten, der Geschichte oder
anderen Besonderheiten der Stadt fragen.
Seit der Gründung vor etwa zwei Jahren durch Reto Stadelmann ist das Kunstorchester Kwaggawerk auf 42 Mitglieder angewachsen, die der Spass an lauter und energiegeladener Musik verbindet. Das Wort "Kwagga" ist eine Abwandlung des Worts "Quagga", das die Bezeichnung für eine ausgestorbene Tierart ist - einer Mischung aus Zebra und Pferd. "Wir wollten gerne einen Namen haben, der keine festgelegten Assoziationen hervorruft, sondern einen witzigen und neuen Begriff, der noch mit Bedeutung gefüllt werden kann - parallel zu der Weiterentwicklung des Kwaggawerks", erklärt der Gründer.

Die Veranstaltung "Entlebuch und ein halbes Zebra", die im Rahmen des SommerKöln 2008 stattfindet, ist die erste grössere Zusammenarbeit des Kwaggawerks mit anderen Musikern. Dahinter steht die Absicht, die spezielle Blasmusikkultur nach Köln zu bringen und in der Öffentlichkeit in einem künstlerischen Rahmen zu präsentierten. "In Zukunft würden wir gerne öfter mit anderen Künstlern zusammenarbeiten und gemeinsam kunstübergreifende Projekte entwickeln und ausstellen - zum Beispiel auf den Gebieten Film, Foto oder Mode", wünscht sich Reto Stadelmann. Dabei gefällt ihm der Gedanke, die Präsentation so zu gestalten, dass sie den Leuten entgegenkommt und sie "dort abholt, wo sie sind" - entgegen der oft elitären Haltung der zeitgenössischen Kunst, die sich eher abschotte vor der grossen Masse.»
Inga Beisswänger, Klangprobe, Kölner Stadt-Anzeiger (31. Juli 2008)
Die Schweiz bläst zum Angriff
Gipfeltreffen der besonderen Art oder warum Blasmusik so schön sein kann
«Auch wenn das Jahr noch lange nicht zu Ende ist und man nie weiss, was noch kommt: Ich habe meinen persönlichen kulturellen Höhepunkt dieses Jahr schon erlebt, ganz sicher! Oder haben Sie schon einmal über 200 Blasmusiker gehört, die von ein paar Schlagwerkern unterstützt gemeinsam Musik machen? Wenn ja, wohl mit mir und fast 2000 anderen Menschen am Samstag, den 2. August zu Füssen des Kölner Doms, und dann gratuliere ich Ihnen ganz herzlich. Dann waren nämlich auch Sie Teil des Projekts "Entlebuch und ein halbes Zebra".
Zunächst einmal ein paar
Informationen zum besseren Verständnis, bevor ich dann weiter
hemmungslos drauflos schwärmen kann.
Das Entlebuch ist nichts anderes als die Bezeichnung für eine
Bergregion im Kanton Luzern. Dort spielt man zu Karneval, wie fast
überall
in der Schweiz, gerne Blasmusik und da alle Arten von Blasinstrumenten
in der Schweiz auch "Gugge" heissen, spielt man dort halt
"Guggenmusik".
So einfach ist das. Ab und zu landet dann mal ein Schweizer Musiker, in
diesem Fall heisst er Reto Stadelmann, der früher zu Hause
auch mal Guggenmusik gemacht hat, in Köln und gründet
dort ein Kunstorchester Namens "Kwaggawerk". Und da man auch in
Köln
zu Karneval gerne Blasmusik spielt, was liegt da näher, als
mal ein paar erfahrene Guggenmusik-Gruppen aus der alten Heimat nach
Köln
einzuladen, zwecks Kulturaustausch und so? Gesagt, getan und schon
trifft "Entlebuch" ein halbes Zebra - denn Kwagga ist in Afrika
die Bezeichnung für Zebra. Alles klar? Dann kann ich ja, wie
angekündigt, weiter schwärmen.
Los ging's für mich und viele andere am Samstag um 18 Uhr am Fuss der Deutzer Brücke am Rande der Kölner Altstadt. Ich hätte aber auch an der Bastei, am Schokoladenmuseum, mitten im Einkaufsrummel in der Kölner Innenstadt oder am Lufthansahaus auf der anderen Rheinseite sein können. Denn das war eine der Besonderheiten dieser Aktion, dass sie an fünf Orten gleichzeitig begann und so viele verschiedene Menschen an ganz unterschiedlichen Orten der Stadt gleichzeitig ansprach. Die meisten davon ohne Vorwissen oder gar Vorwarnung, denn es hatte im öffentlichen Raum so gut wie keine Werbung gegeben, und so wussten nur wenige Eingeweihte durch Mund zu Mund Propaganda, was sie gleich erwarten würde.

Schon bevor es endlich losging bei uns in der Altstadt, wehte der Wind geheimnisvoll einige Blasmusikfetzen aus Deutz herüber. Keineswegs geheimnisvoll, sondern eher stürmisch, fegte dann urplötzlich die Musik der "Schonbachgusler", der Gruppe, der ich mich im Köln-Schweizer Kulturaustausch angeschlossen hatte, über die Zuhörer hinweg. Herrlich schräg, immer haarscharf an der Melodie vorbei, rhythmisch vorantreibend, was durchaus zum Konzept der schweizerischen Anarcho-Pop-Musik gehört.
Wer konnte da widerstehen und einfach still stehen bleiben? Niemand. Nicht die Touristen aus dem fernen oder dem Nahen Osten, nicht Menschen mit oder ohne Kopftuch, nicht Alt, nicht Jung, nicht die Bedienung aus der Altstadtkneipe, nicht die vielen "Junggesellenabschied" Feiernden und schon gar nicht die Kinder, meist auf den Schultern ihrer Väter wippend, zwecks besserer Übersicht.
Und das war eine weitere
Besonderheit dieses Ereignisses, dass es niemanden kalt liess, egal,
welche Musik man sonst hört, ob Punk
oder Klassik oder aus welchem Kulturkreis man kommt: Ständig
fragte man sich "Das kenn ich doch, das Stück, was ist das
bloss?",
bis man jemanden neben sich sagen hörte "Aber das ist doch von
Abba... Klar, Super Trouper!" - "Und das von Madonna... Logisch,
Like a little Prayer!" Knapp daneben ist auch daneben, aber dieses
gemeinsame Musikraten hatte auch etwas Verbindendes und macht tierisch
Spass.
Spass machte den Schonbachguslern offensichtlich auch das Versteckspielen. Denn immer wieder verschwanden sie auf ihrem Weg über den Heumarkt, den Alter Markt und die Altstattgassen einfach in der Menge, um dann auf ein Zeichen ihres Dirigenten hin aus allen Ecken spielend wieder in die Platzmitte zu strömen, dort ein, zwei Titel zu spielen und wieder in der Menge abzutauchen. Ein faszinierendes Spiel. So faszinierend, dass ihnen viele Menschen, die eigentlich eher shoppen, den Dom anschauen oder im Café sitzen wollten, bis hin zu den Rheintreppen an der Philharmonie folgten.
Gleiches gelang auch den anderen Guggenmusikern, nicht zuletzt den Ratteschwänz aus Escholzmatt, denen die Menschen wie einst dem Rattenfänger den ganzen Weg von der Schäl Sick, über die Hohenzollernbrücke bis zum Dom gefolgt waren.
Grandios dann das mehr als einstündige Finale: zusammen, nacheinander, nebeneinander, auch mal durcheinander intonierten alle noch einmal ihre Hits, enthusiastisch beklatscht vom zahlreichen Publikum aus aller Welt. Besonders schön anzuschauen vor der Kulisse des Doms und der "Berggipfel" des Museum Ludwig waren die Berge und Tannenwipfel aus Pappe, die die Kwaggawerker aus Köln als Zeichen ihres Fernwehs auf dem Rücken trugen. Wie gesagt, ein Gipfeltreffen der besonderen Art.

Und plötzlich, ein paar bengalische Feuer und einige Standortwechsel später, war alles vorbei. Vier grosse, grüne Reisebusse aus dem Entlebuch verschluckten Instrumente und Musiker in ihren Bäuchen, noch ein paar Stücke herzhafter Schweizer Käse wurden verteilt, und vorbei war es mit dem Bergzauber. Plötzlich hörte man wieder die unsägliche Discomusik aus den einschlägigen Kneipen schallen, das Lärmen der ebenso unsäglichen JungesellInnenabschiede, Verkehrsgeräusche, die Partitur einer Grossstadt an einem Samstagabend im August.»
Christine Schmidt, Neue Rheinische Zeitung (6. August 2008)
Ablauf und Routen:
18:00 Uhr: Konzert an fünf verschiedenen Orten:
Kunstorchester Kwaggawerk: Bastei
Guggenmusik Fläckler: Globetrotter
Guggenmusik Schonbachgusler: Bauch der Deutzer Brücke, linksrheinisch
Guggenmusik Änteguugger: Schokoladenmuseum
Guggenmusik Ratteschwänz: Lufthansagebäude
18:30 bis 19:30 Uhr: Sternmarsch durch die Stadt:
Route 1: Die Alpenaneignung
Kunstorchester Kwaggawerk (Künstlerin Julia Seidensticker)
Die Bastei - Konrad-Adenauer Ufer - Trankgassenwerft - Rheingarten
Route 2: Der Prozess der Zivilisation - Das Grossstadttier
Guggenmusik Fläckler (Künstlerin Katja Struif)
Globetrotter - Neumarkt - Schildergasse - Hohe Strasse - Am Hof - Grosse Neugasse - Rheingarten
Route 3: Die Invasion der Unsichtbaren
Guggenmusik Schonbachgusler (Künstler Katja Struif, Reto Stadelmann)
Bauch der Deutzer Brücke (linksrheinisch) - Marktmannsgasse - Heumarkt - Alter Markt - Mühlengasse - Rheingarten
Route 4: Die feine Konversation
Guggenmusik Änteguugger & Friends of Horst! Schokoladenmuseum - Leystapelwerft - Markmannsgasse - Buttermarkt - Fischmarkt - Rheingarten
Route 5: Das Environment "Ex Machina"
Guggenmusik Ratteschwänz (Künstler Triloff)
Lufthansa Gebäude - Kennedy-Ufer - Hohenzollernbrücke - Heinrich-Böll-Platz - Rheingarten
19:30 bis 21:00 Uhr: grosses Finale:
Rheingarten/Frankenwerft
«Wir haben Spaß an lauter Musik»
Interview mit Reto Stadelmann (Kölnische Rundschau 15.08.2008 - Link)
Presse-Links
Neue Rheinische Zeitung (06.08.2008): „Die Schweiz bläst zum Angriff“
Kölner Stadt Anzeiger (03.08.2008): „Blasmusik Finale: Tina Turner auf Hohe Straße gespielt“
Kölnische Rundschau (03.08.2008): „Fastnacht: Da geben Kölner alles“
Kölner Stadt Anzeiger (30.07.2008): „Klangprobe: Krach vertreibt Geister“
Entlebucher Anzeiger (29.07.2008): „Entlebucher Gugger beschallen die Innenstadt von Köln“
Kölner Innenstadt, Deutzer Ufer
2. August 2008
«Es wird laut werden in Köln, bunt und schrill, wenn am Samstag 200 Blasmusiker aus der Schweiz und Köln durch die Stadt ziehen. In schrägen Kostümen und begleitet von fahrenden Kunstobjekten spielen sie nicht nur Guggenmusik, sondern auch Theater. Aufgeteilt in fünf Gruppen setzen sie sich dabei mit einem Thema auseinander: Dem Gegenüber von Stadt und Land.

Fotos © Ellen Bornkessel
Mitten drin findet sich das Kunstorchester Kwaggawerk aus Köln, dessen Gründer Reto Stadelmann die Veranstaltung unter dem Namen "Entlebuch und ein halbes Zebra" initiiert hat. "Schon als Jugendlicher habe ich Guggenmusik gespielt. In meiner Schweizer Heimat hat diese Musikform grosse Tradition", erzählt Reto Stadelmann. Sie entwickelte sich aus dem Brauch heraus, mit lautem Krach die Geister des Winters zu vertreiben. Ursprünglich zogen die Menschen dafür in der Fasnachtszeit mit Rasseln, Eimern, Trommeln oder Pfeifen durch die Dörfer und Städte. Heute übernehmen Blechblasinstrumente die Funktion. Daher kommt auch der Begriff Guggenmusik: Das schweizerdeutsche Wort Gugge steht für alle Arten von Blechblasinstrumenten. Auch in den südwestdeutschen Raum ist der Brauch gewandert. Dort gehören während der schwäbisch-alemannischen Fasnacht Guggenmusiker zum ganz normalen Strassenbild. Passend zu dieser Tradition haben die Musiker vom Kunstorchester Kwaggawerk ihren ersten Auftritt im Jahr 2007 im Kölner Karneval auf dem Geisterzug absolviert. "Bei den Leuten am Strassenrand kam unsere laute, leicht schräge Musik sehr gut an. Deshalb denken wir, dass dem Publikum auch "Entlebuch und ein halbes Zebra" gefallen wird", zeigt sich Stadelmann zuversichtlich. Die Schweizer Gäste aus der ländlichen Region Entlebuch haben allein für die Veranstaltung schon früher als gewohnt mit den Proben angefangen. Eigentlich treffen sich die Musiker erst im November wieder, kurz vor Beginn der Fasnacht.
"Auch, wenn uns die Wurzeln der Guggenmusik bewusst sind, möchten wir diese Musik weiterentwickeln und ihr neue Inhalte geben, Musik mit vielen weiteren Kunstformen zusammenbringen", erklärt Reto Stadelmann. Das geschieht zum Beispiel dadurch, dass nicht nur Musiker, sondern auch andere Künstler, aber auch Studierende, Pädagogen und Handwerker dem Kwaggawerk angehören und ihre Ideen einbringen. So steuert der Objektkünstler Triloff für die kommende Veranstaltung mobile Kunstobjekte bei.
Die Bildhauerin Julia Seidensticker und die
Medienkünstlerin Katja Struif entwarfen die schrägen
Kostüme. Am Samstag werden die Kwaggawerker unter dem
Stichwort "Die Alpenaneignung" mit Bergen
aus Pappe durch Köln ziehen - die Städter schleppen
sich also buchstäblich mit einer Natur-Landschaft
ab. Die Gruppen aus den Schweizer Dörfern bekommen im Gegenzug
typisch städtische Verkleidungen, zum Beispiel ordentliche
weisse
Hemden und Business-Anzüge. Die Guggenmusiker des Ensembles
Änteguugge bewegen sich zusammen mit der
Improvisationstheater-Gruppe "Friends of Horst!"
als vermeintlich normale Touristen durch die Domstadt. Sie
möchten dabei mit den Passanten ins Gespräch kommen,
indem sie nach den Sehenswürdigkeiten, der Geschichte oder
anderen Besonderheiten der Stadt fragen.Seit der Gründung vor etwa zwei Jahren durch Reto Stadelmann ist das Kunstorchester Kwaggawerk auf 42 Mitglieder angewachsen, die der Spass an lauter und energiegeladener Musik verbindet. Das Wort "Kwagga" ist eine Abwandlung des Worts "Quagga", das die Bezeichnung für eine ausgestorbene Tierart ist - einer Mischung aus Zebra und Pferd. "Wir wollten gerne einen Namen haben, der keine festgelegten Assoziationen hervorruft, sondern einen witzigen und neuen Begriff, der noch mit Bedeutung gefüllt werden kann - parallel zu der Weiterentwicklung des Kwaggawerks", erklärt der Gründer.

Die Veranstaltung "Entlebuch und ein halbes Zebra", die im Rahmen des SommerKöln 2008 stattfindet, ist die erste grössere Zusammenarbeit des Kwaggawerks mit anderen Musikern. Dahinter steht die Absicht, die spezielle Blasmusikkultur nach Köln zu bringen und in der Öffentlichkeit in einem künstlerischen Rahmen zu präsentierten. "In Zukunft würden wir gerne öfter mit anderen Künstlern zusammenarbeiten und gemeinsam kunstübergreifende Projekte entwickeln und ausstellen - zum Beispiel auf den Gebieten Film, Foto oder Mode", wünscht sich Reto Stadelmann. Dabei gefällt ihm der Gedanke, die Präsentation so zu gestalten, dass sie den Leuten entgegenkommt und sie "dort abholt, wo sie sind" - entgegen der oft elitären Haltung der zeitgenössischen Kunst, die sich eher abschotte vor der grossen Masse.»
Inga Beisswänger, Klangprobe, Kölner Stadt-Anzeiger (31. Juli 2008)
Die Schweiz bläst zum Angriff
Gipfeltreffen der besonderen Art oder warum Blasmusik so schön sein kann
«Auch wenn das Jahr noch lange nicht zu Ende ist und man nie weiss, was noch kommt: Ich habe meinen persönlichen kulturellen Höhepunkt dieses Jahr schon erlebt, ganz sicher! Oder haben Sie schon einmal über 200 Blasmusiker gehört, die von ein paar Schlagwerkern unterstützt gemeinsam Musik machen? Wenn ja, wohl mit mir und fast 2000 anderen Menschen am Samstag, den 2. August zu Füssen des Kölner Doms, und dann gratuliere ich Ihnen ganz herzlich. Dann waren nämlich auch Sie Teil des Projekts "Entlebuch und ein halbes Zebra".
Zunächst einmal ein paar
Informationen zum besseren Verständnis, bevor ich dann weiter
hemmungslos drauflos schwärmen kann.
Das Entlebuch ist nichts anderes als die Bezeichnung für eine
Bergregion im Kanton Luzern. Dort spielt man zu Karneval, wie fast
überall
in der Schweiz, gerne Blasmusik und da alle Arten von Blasinstrumenten
in der Schweiz auch "Gugge" heissen, spielt man dort halt
"Guggenmusik".
So einfach ist das. Ab und zu landet dann mal ein Schweizer Musiker, in
diesem Fall heisst er Reto Stadelmann, der früher zu Hause
auch mal Guggenmusik gemacht hat, in Köln und gründet
dort ein Kunstorchester Namens "Kwaggawerk". Und da man auch in
Köln
zu Karneval gerne Blasmusik spielt, was liegt da näher, als
mal ein paar erfahrene Guggenmusik-Gruppen aus der alten Heimat nach
Köln
einzuladen, zwecks Kulturaustausch und so? Gesagt, getan und schon
trifft "Entlebuch" ein halbes Zebra - denn Kwagga ist in Afrika
die Bezeichnung für Zebra. Alles klar? Dann kann ich ja, wie
angekündigt, weiter schwärmen.Los ging's für mich und viele andere am Samstag um 18 Uhr am Fuss der Deutzer Brücke am Rande der Kölner Altstadt. Ich hätte aber auch an der Bastei, am Schokoladenmuseum, mitten im Einkaufsrummel in der Kölner Innenstadt oder am Lufthansahaus auf der anderen Rheinseite sein können. Denn das war eine der Besonderheiten dieser Aktion, dass sie an fünf Orten gleichzeitig begann und so viele verschiedene Menschen an ganz unterschiedlichen Orten der Stadt gleichzeitig ansprach. Die meisten davon ohne Vorwissen oder gar Vorwarnung, denn es hatte im öffentlichen Raum so gut wie keine Werbung gegeben, und so wussten nur wenige Eingeweihte durch Mund zu Mund Propaganda, was sie gleich erwarten würde.

Schon bevor es endlich losging bei uns in der Altstadt, wehte der Wind geheimnisvoll einige Blasmusikfetzen aus Deutz herüber. Keineswegs geheimnisvoll, sondern eher stürmisch, fegte dann urplötzlich die Musik der "Schonbachgusler", der Gruppe, der ich mich im Köln-Schweizer Kulturaustausch angeschlossen hatte, über die Zuhörer hinweg. Herrlich schräg, immer haarscharf an der Melodie vorbei, rhythmisch vorantreibend, was durchaus zum Konzept der schweizerischen Anarcho-Pop-Musik gehört.
Wer konnte da widerstehen und einfach still stehen bleiben? Niemand. Nicht die Touristen aus dem fernen oder dem Nahen Osten, nicht Menschen mit oder ohne Kopftuch, nicht Alt, nicht Jung, nicht die Bedienung aus der Altstadtkneipe, nicht die vielen "Junggesellenabschied" Feiernden und schon gar nicht die Kinder, meist auf den Schultern ihrer Väter wippend, zwecks besserer Übersicht.
Und das war eine weitere
Besonderheit dieses Ereignisses, dass es niemanden kalt liess, egal,
welche Musik man sonst hört, ob Punk
oder Klassik oder aus welchem Kulturkreis man kommt: Ständig
fragte man sich "Das kenn ich doch, das Stück, was ist das
bloss?",
bis man jemanden neben sich sagen hörte "Aber das ist doch von
Abba... Klar, Super Trouper!" - "Und das von Madonna... Logisch,
Like a little Prayer!" Knapp daneben ist auch daneben, aber dieses
gemeinsame Musikraten hatte auch etwas Verbindendes und macht tierisch
Spass.Spass machte den Schonbachguslern offensichtlich auch das Versteckspielen. Denn immer wieder verschwanden sie auf ihrem Weg über den Heumarkt, den Alter Markt und die Altstattgassen einfach in der Menge, um dann auf ein Zeichen ihres Dirigenten hin aus allen Ecken spielend wieder in die Platzmitte zu strömen, dort ein, zwei Titel zu spielen und wieder in der Menge abzutauchen. Ein faszinierendes Spiel. So faszinierend, dass ihnen viele Menschen, die eigentlich eher shoppen, den Dom anschauen oder im Café sitzen wollten, bis hin zu den Rheintreppen an der Philharmonie folgten.
Gleiches gelang auch den anderen Guggenmusikern, nicht zuletzt den Ratteschwänz aus Escholzmatt, denen die Menschen wie einst dem Rattenfänger den ganzen Weg von der Schäl Sick, über die Hohenzollernbrücke bis zum Dom gefolgt waren.
Grandios dann das mehr als einstündige Finale: zusammen, nacheinander, nebeneinander, auch mal durcheinander intonierten alle noch einmal ihre Hits, enthusiastisch beklatscht vom zahlreichen Publikum aus aller Welt. Besonders schön anzuschauen vor der Kulisse des Doms und der "Berggipfel" des Museum Ludwig waren die Berge und Tannenwipfel aus Pappe, die die Kwaggawerker aus Köln als Zeichen ihres Fernwehs auf dem Rücken trugen. Wie gesagt, ein Gipfeltreffen der besonderen Art.

Und plötzlich, ein paar bengalische Feuer und einige Standortwechsel später, war alles vorbei. Vier grosse, grüne Reisebusse aus dem Entlebuch verschluckten Instrumente und Musiker in ihren Bäuchen, noch ein paar Stücke herzhafter Schweizer Käse wurden verteilt, und vorbei war es mit dem Bergzauber. Plötzlich hörte man wieder die unsägliche Discomusik aus den einschlägigen Kneipen schallen, das Lärmen der ebenso unsäglichen JungesellInnenabschiede, Verkehrsgeräusche, die Partitur einer Grossstadt an einem Samstagabend im August.»
Christine Schmidt, Neue Rheinische Zeitung (6. August 2008)
Ablauf und Routen:
18:00 Uhr: Konzert an fünf verschiedenen Orten:
Kunstorchester Kwaggawerk: Bastei
Guggenmusik Fläckler: Globetrotter
Guggenmusik Schonbachgusler: Bauch der Deutzer Brücke, linksrheinisch
Guggenmusik Änteguugger: Schokoladenmuseum
Guggenmusik Ratteschwänz: Lufthansagebäude
18:30 bis 19:30 Uhr: Sternmarsch durch die Stadt:
Route 1: Die Alpenaneignung
Kunstorchester Kwaggawerk (Künstlerin Julia Seidensticker)
Die Bastei - Konrad-Adenauer Ufer - Trankgassenwerft - Rheingarten
Route 2: Der Prozess der Zivilisation - Das Grossstadttier
Guggenmusik Fläckler (Künstlerin Katja Struif)
Globetrotter - Neumarkt - Schildergasse - Hohe Strasse - Am Hof - Grosse Neugasse - Rheingarten
Route 3: Die Invasion der Unsichtbaren
Guggenmusik Schonbachgusler (Künstler Katja Struif, Reto Stadelmann)
Bauch der Deutzer Brücke (linksrheinisch) - Marktmannsgasse - Heumarkt - Alter Markt - Mühlengasse - Rheingarten
Route 4: Die feine Konversation
Guggenmusik Änteguugger & Friends of Horst! Schokoladenmuseum - Leystapelwerft - Markmannsgasse - Buttermarkt - Fischmarkt - Rheingarten
Route 5: Das Environment "Ex Machina"
Guggenmusik Ratteschwänz (Künstler Triloff)
Lufthansa Gebäude - Kennedy-Ufer - Hohenzollernbrücke - Heinrich-Böll-Platz - Rheingarten
19:30 bis 21:00 Uhr: grosses Finale:
Rheingarten/Frankenwerft
«Wir haben Spaß an lauter Musik»
Interview mit Reto Stadelmann (Kölnische Rundschau 15.08.2008 - Link)
Presse-Links
Neue Rheinische Zeitung (06.08.2008): „Die Schweiz bläst zum Angriff“
Kölner Stadt Anzeiger (03.08.2008): „Blasmusik Finale: Tina Turner auf Hohe Straße gespielt“
Kölnische Rundschau (03.08.2008): „Fastnacht: Da geben Kölner alles“
Kölner Stadt Anzeiger (30.07.2008): „Klangprobe: Krach vertreibt Geister“
Entlebucher Anzeiger (29.07.2008): „Entlebucher Gugger beschallen die Innenstadt von Köln“